Warum Überspannungsschutz bei einer fest installierten Wallbox mitgeprüft wird

Der technische Leitfaden von VDE und DKE weist ausdrücklich darauf hin, dass bei fest installierten Ladeeinrichtungen die Anforderungen an den Überspannungsschutz zu beachten sind. Die Wallbox wird damit nicht unabhängig vom Gebäude betrachtet, sondern als Erweiterung der elektrischen Anlage.

Überspannungen können empfindliche Elektronik in Wallbox, Fahrzeug, Energiemanagement und Netzwerktechnik beschädigen. Gleichzeitig muss ein Schutzkonzept so aufgebaut sein, dass die eingesetzten Überspannungs-Schutzeinrichtungen zueinander und zur vorhandenen Installation passen.

Was bedeutet SPD überhaupt?

SPD steht für „Surge Protective Device“, also Überspannungs-Schutzeinrichtung. Die Geräte begrenzen kurzzeitige hohe Überspannungen und leiten Stoßströme ab. Sie ersetzen weder Fehlerstromschutz noch Leitungsschutz und erfüllen damit eine andere Schutzaufgabe als FI/RCD oder Leitungsschutzschalter.

FI/RCD und DC-Fehlerstromschutz separat verstehen →

SPD Typ 1 und Typ 2 erfüllen unterschiedliche Aufgaben

Vereinfacht ist Typ 1 für die Ableitung von Blitzströmen beziehungsweise Blitzteilstromen vorgesehen, während Typ 2 den Überspannungsschutz in der elektrischen Installation übernimmt. Kombiableiter können mehrere Schutzfunktionen in einem Gerät zusammenfassen.

Der VDE-Leitfaden nennt für öffentlich zugängliche Ladepunkte einen SPD Typ 2 als Mindestforderung zum Schutz des Energieanschlusses. Wird eine Ladeeinrichtung aus einem Gebäude mit installiertem Blitzschutzsystem versorgt, ist ein Blitzstrom- beziehungsweise Kombiableiter in das Schutzkonzept einzubeziehen. Für die private Wallbox muss der Fachbetrieb die Anforderungen des konkreten Gebäudes und der bestehenden Anlage bewerten.

Vorhandener Überspannungsschutz im Zählerschrank: reicht der automatisch?

Nicht automatisch. Entscheidend ist, wo der vorhandene SPD sitzt, wie die Wallbox versorgt wird, welche Leitungslänge zwischen Schutzgerät und Ladepunkt liegt und wie die Hersteller ihre Geräte koordinieren. Bei Erweiterungen sollte deshalb zuerst der Bestand dokumentiert werden, bevor zusätzliche Ableiter eingeplant werden.

VDE-Informationen zur Koordination von SPDs betonen, dass Herstellerangaben für die richtige Abstimmung der Schutzgeräte zu beachten sind. Einfach mehrere SPDs „zur Sicherheit“ hintereinander zu setzen, ist keine fachgerechte Planung.

Carport, Garage und lange Zuleitung: Leitungsweg mitdenken

Bei einer Wallbox am Carport oder an einer freistehenden Garage kann die elektrische Entfernung zur Hauptverteilung deutlich größer sein als bei einer Wallbox direkt an der Hauswand. Der Leitungsweg ist deshalb nicht nur für Kabelquerschnitt und Spannungsfall relevant, sondern gehört auch in die Bewertung des Überspannungsschutzes.

Leitungslänge und Kabelquerschnitt planen → · Wallbox am Carport & im Außenbereich →

Gebäude mit äußerem Blitzschutz: Schutzkonzept nicht nur an der Wallbox ergänzen

Gibt es ein äußeres Blitzschutzsystem, muss die elektrische Anlage in ein abgestimmtes Blitz- und Überspannungsschutzkonzept eingebunden werden. Der VDE-Leitfaden nennt hier Blitzstrom- beziehungsweise Kombiableiter. Die konkrete Platzierung und Koordination ist Aufgabe der Elektro- und gegebenenfalls Blitzschutzplanung.

Eine Wallbox mit eigener Elektronik oder eingebautem Überspannungsschutz hebt diese Anforderungen nicht auf. Der Geräteschutz und der Schutz der gesamten Installation sind getrennte Ebenen.

LAN, Steuerleitung und HEMS: auch Datenwege können relevant sein

Moderne Wallboxen sind häufig per Ethernet, Bus, Energiezähler oder weiteren Steuerleitungen mit dem Gebäude verbunden. Der VDE-Leitfaden weist bei Ladeinfrastruktur darauf hin, dass zusätzlich zur Energieversorgung auch die Datenübertragung betrachtet werden muss.

Besonders bei Leitungen in den Außenbereich sollte daher nicht nur das Leistungskabel dokumentiert werden. Welche Schutzmaßnahmen für Daten- und Steuerleitungen erforderlich sind, hängt von Schnittstelle, Verlegeweg und Gesamtsystem ab.

Wallbox und HEMS-Kommunikation einordnen →

Wallbox plus Photovoltaik: zwei Schutzkonzepte miteinander abstimmen

Bei Gebäuden mit Photovoltaik gibt es zusätzlich die DC- und AC-Seite der PV-Anlage, Wechselrichter und häufig weitere Kommunikation. Der Überspannungsschutz der Wallbox sollte deshalb nicht getrennt vom bereits vorhandenen PV- und Gebäudeschutz geplant werden.

PV-Blitz- und Überspannungsschutz im Detail →

Was ein gutes Installationsangebot zum Überspannungsschutz nennen sollte

  1. Welche Überspannungs-Schutzeinrichtungen im Gebäude bereits vorhanden sind.
  2. Ob ein äußeres Blitzschutzsystem vorhanden ist.
  3. Welche zusätzlichen SPDs vorgesehen sind und wo sie eingebaut werden.
  4. Wie die Koordination mit vorhandenen Schutzgeräten erfolgt.
  5. Leitungsweg und Entfernung zur Wallbox.
  6. Berücksichtigung von LAN-, Bus- oder anderen Datenleitungen.
  7. Prüfung, Dokumentation und Kennzeichnung nach Fertigstellung.

Drei Schutzaufgaben nicht miteinander verwechseln

  • RCD/FI: Fehlerstrom- und Personenschutz im vorgesehenen Schutzkonzept.
  • Leitungsschutz: Schutz der Leitung unter anderem gegen Überlast und Kurzschluss.
  • SPD: Schutz gegen transiente Überspannungen und je nach Typ Blitzteilströme.

Erst das Zusammenspiel dieser Ebenen ergibt eine nachvollziehbare Wallbox-Installation. Ein einzelnes „All-in-one“-Label im Shop ersetzt keine Prüfung der technischen Installationsanleitung.

Kein DIY-Thema

Auswahl, Koordination und Einbau von SPDs betreffen die feste elektrische Anlage. Der VDE-Leitfaden ordnet Planung, Errichtung, Erweiterung und Instandhaltung von Ladeinfrastruktur ausdrücklich Elektrofachkräften zu. HausEnergieAtlas dient hier deshalb der Angebots- und Planungsprüfung, nicht als Verdrahtungsanleitung.

Quellen